Scene - Waldmeister

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Warum sagt man eigentlich Goa-Szene?

Wie fing alles einmal an? Und was hat es mit diesem Sprötze auf sich?
Fragen wie diese beantwortet ein ausführlicher Text von Kai Mathesdorf, den
wir hier, weil er so aufschlussreich ist, zu einem kleinen Teil wiedergeben.
Du findest ihn in voller Länge auf www.mushroom-online.com und auch im
ersten intershroom (Januar 2002).

Von Kai Mathesdorf
Indien zu bereisen bedeutet, sich auf die Verrücktheit des Landes
einzulassen, sein surreales Chaos verstehen oder zumindest sich von ihm
treiben lassen zu wollen. Deswegen war Indien immer ein facettenreiches
Land, das weit weniger touristisch erschlossen ist als viele andere
asiatische Länder. Auf diesem Kontinent im Kontinent liegt Goa, an der
Westküste etwa 600 Kilometer südlich von Bombay.

Goa ist ein Bundesstaat und keine Insel, wie viele meinen, der bis 1962
portugiesische Kolonie war. Dadurch ist Goa sehr christlich geprägt und
unterscheidet sich von anderen indischen Landstrichen durch Liberalität,
religiöse Offenheit und kulturelle Vielfalt. Durch die klimatischen
Gegebenheiten - die durchschnittliche Temperatur liegt im Jahresablauf
zwischen 20 und 34 Grad -, durch die wunderbaren, nahezu unberührten Strände
und das ungeschlagene Preis-/Leistungsverhältnis im Gegensatz zum Leben in
westlichen Kulturen entwickelte sich dieser Landstrich bereits in den
sechziger Jahren zu einem internationalen Treffpunkt von Esoterikern,
Mystikern, nach Spiritualität und Wahrheit Suchenden, von Anarchisten, New
Age Philosophen, Outlaws, Drogendealern und so berühmten Freaks wie Eight
Finger Eddie.
Von den freundlichen Einheimischen gern aufgenommen, entstand ein buntes
psychedelisches Paradies aus JetSet-Hippies und LowCost-Travellern, die
verband, dass sie ihre Position meist außerhalb der konventionellen
westlichen Gesellschaft hatten, den kalten europäischen oder amerikanischen
Winter aussitzen wollten und hier den schönen und intensiven Seiten des
Lebens nachgingen. Das ging recht lang sehr gut und unbeobachtet, Charas
beispielsweise, das indische Hasch, war Teil religiöser Praktiken und
Lebensweisen von Yogis und Sadhus, gleichsam ein Teil indischer Kultur. Es
wurde erst Mitte der siebziger Jahre durch Druck der amerikanischen
Regierung zu einer verbotenen Substanz.

Mit den feierfreudigen Freaks kamen natürlich auch Partys mit der Musik der
Zeit wie Psychedelic Rock und später Reggae. Mit extra eingeflogenen
Generatoren und Musikanlagen an Stränden und Palmenhainen gewannen diese
Partys zunehmend an Energie und Bedeutung für die Szene, es gab sogar
psychedelische Theater Performances am Strand. Dekorationen aus
fluoreszierenden Farben und indischer Mythologie wurden zunehmend
Bestandteil des Lebens in Goa. In der Season 87/88 kam ein französicher DJ
namens Laurent darauf, die Partys mit Electrosounds zu beschallen. Das
brachte ihm zunächst vehementen Widerstand ein, aber irgendwann ist der
Zündfunke gefallen, und diese bizarre elektronische Musik schlug im Kontext
der paradiesischen, natürlichen Umgebung mit Nachdruck ein.

Auch andere Leute kamen auf diesen Film und erkannten das immense Potenzial
elektronischer Musik in diesem aus Zeit und Raum herausgelösten Platz. DJ
Goa Gil war bereits 1970 aus Kalifornien mit seiner Gitarre nach Goa
gekommen und wurde schließlich der erfolgreichste Protagonist des
Psychedelic Electronic Dance und ist es bis heute geblieben, legendengleich
schuf er mit seinem Konzept des Redefining the Ancient Tribal Ritual for the
21st Century die Verbindung von Beat und Spiritualität, von Yoga und Musik,
um sich und der Crowd über die Trance-Dance-Erfahrung zu einem höheren
Bewusstsein zu verhelfen.

Da Goa spätestens ab April für Europäer und Amerikaner zu heiß wird und die
folgende Regenzeit im Juli bis August das Leben auch nicht angenehmer macht,
kehrten die Freaks notgedrungen immer wieder in ihre Herkunftsländer zurück
und verbreiteten dort diese Art von Party-Kultur und Musik, um in der
jeweils nächsten Saison wieder neue Einflüsse nach Indien zu tragen. Goa
entwickelte sich zu jenem Zeitpunkt zu einem der musikhistorisch
innovativsten Zentren der Erde und zu einem Pool elektronischer Musik, denn
mit Hilfe von Walkmen und später durch das Aufkommen von digitaler
Tontechnik (Digital Audio Tape = DAT) kam es zur freien Kopierbarkeit von
Musik und einem ständigen Austausch musikalischer Ideen und Strömungen.
Durch die internationale Zusammensetzung der Crowd war Goa nicht nur
Treffpunkt einer einzelnen Szene, sondern für Menschen aus völlig
unterschiedlichen Sozialisationen ein universal frequency freeway (DJ Ray
Castle).

Die in den späten achtziger Jahren entstehende enorme Palette der
Möglichkeiten, mit Hilfe von Computern und Synthesizern psychedelische Musik
nur aus Strom zu erzeugen, sorgte zusammen mit den hier aufeinander
treffenden ³Global Playern für einen kreativen Overflow, der sich unbegrenzt
über den Planeten ausweitete. Musiker wie Johann Bley, zuvor noch Drummer
der Hamburger Wave/ Punk Band Ledernacken und später Teil der englischen
Band Juno Reactor, brachten Computer mit nach Goa, tanzten durch die Nacht
und setzten ihre musikalischen Erfahrungen gleich am nächsten Tag um, um in
der nächsten Nacht schon wieder zu dieser neuen Musik tanzen zu können.

Aus diesem ständigen Zusammenkommen verschiedener Menschen aus
unterschiedlichen Regionen und musikalischen Backgrounds entwickelte sich
mehr und mehr ein eigenständiger Musikstil, den man schließlich Goa-Trance
nannte. Der Ruf von Goa als Highend-Hippie-Paradies wurde immer stärker und
zog mehr und mehr Traveller und Verrückte an, bis die Energie schier
grenzenlos wurde; der australische Ollie Wisdom (Space Tribe) überschwemmte
die Szene mit Unmengen psychedelischen Bewusstseins, sein Bruder begründete
das entsprechende Klamotten-Label für Full-On Psychedelic Wear und
ultraviolette Orgasmen.

In Deutschland trafen sich die Goa-Verrückten, die sich und diese Partys aus
Indien kannten, in einem etwa 30 Kilometer südlich von Hamburg gelegenen
unscheinbaren Ort namens Sprötze in einem ebenso unscheinbaren Gasthof
namens Waldheim ab 89/90 regelmäßig. Das Publikum war eine bunte Mischung
aus Freaks der ganzen Republik. Es war ganz normal, dass Leute zum Beispiel
extra aus Bayern für eine solche Party angereist waren. Irgendwann war es
einfach zu voll, und die Leute fingen an, mitten auf der Bundesstraße zu
tanzen, so dass sie gesperrt werden musste. Es lief nichts mehr, Stau in
allen Richtungen, worauf ich die Woche darauf zum Ordnungsamt zitiert wurde.

Seitdem mussten wir bei jeder Party, die wir veranstalteten, von vornherein
1000 Mark Bußgeld zahlen. (Ernst im Interview mit Mat Mushroom 10/96) Am
Dorfstammtisch wurde auch ausgekungelt, mal in der Kiesgrube ein fettes Open
Air zu veranstalten. Diese Party ging 1991, auch wenn sie noch nicht so
hieß, als erste VooV Experience mit immerhin rund 1500 Besuchern in die
Techno-Geschichte ein. Eine dicke Party, die viele Trance- und Goa-Jünger
und manche DJs noch heute als ihre Initialzündung betrachten.

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